Kaum eine Pflanze wächst so selbstverständlich vor der Haustür wie der Löwenzahn, und kaum eine wird so unterschätzt. Im Rasen ist er für viele nur das gelbe Ärgernis, das jedes Jahr wiederkommt. Auf meinen Wanderungen ist er dagegen oft die erste Pflanze, die ich in die Hand nehme. Er lässt sich leicht und sicher erkennen, und verwenden kannst du ihn von der Wurzel bis zur Blüte. Für den Anfang gibt es kaum eine bessere Pflanze zum Kennenlernen.
Woran ich ihn erkenne
Der Löwenzahn wächst als bodenständige Rosette. Seine Blätter sind tief gezähnt, und genau diese Zähnung hat ihm den Namen gegeben. Aus der Mitte steigen einzelne Blütenstängel auf, jeder trägt nur einen gelben Blütenkorb, und der Stängel ist hohl und blattlos. Brichst du ihn, tritt ein weißer Milchsaft aus. Diese Kombination, hohler Stängel mit nur einer Blüte und milchigem Saft, ist das sicherste Erkennungszeichen.
Es gibt Wiesenpflanzen, die dem Löwenzahn ähneln, etwa das Ferkelkraut oder der Wiesen-Pippau. Sie sind nicht giftig, sehen aber bei genauem Hinsehen anders aus: Ihre Stängel sind oft verzweigt oder behaart. Wer einmal auf den hohlen, unverzweigten Stiel und den Milchsaft achtet, verwechselt den Löwenzahn kaum noch.
Wann und wo ich sammle
Die jungen Blätter nehme ich im Frühjahr, solange sie noch zart sind, denn dann schmecken sie milder. Die Blüten sammle ich an einem trockenen, sonnigen Vormittag im April und Mai, wenn sie ganz geöffnet sind. Die Wurzel grabe ich im Herbst, wenn die Pflanze ihre Kraft nach unten zieht.
Wichtig ist mir der Ort. Ich sammle abseits von Straßen, Hundewegen und gedüngten Feldern, dort, wo ich weiß, was mit der Wiese passiert. Und ich nehme immer nur so viel, wie ich wirklich brauche. Der Rest bleibt für die Bienen, die den Löwenzahn im Frühjahr dringend als Nahrung benötigen.
In der Küche
Aus den jungen Blättern wird ein leicht herber Salat, der gut zu einem süßen Dressing passt. Die Blütenblätter streue ich über Salate oder ins Gebäck, sie färben den Teller freundlich gelb. Am liebsten mache ich aus den Blüten einen Löwenzahnsirup, den manche auch Löwenzahnhonig nennen. Dafür ziehen die Blüten mit Wasser und Zitrone aus, dann wird der Sud mit Zucker eingekocht, bis er goldgelb und dickflüssig ist. Den Blütenboden lasse ich weg, er macht die Sache unnötig bitter.
Die geröstete Wurzel ergibt einen Aufguss, der ein wenig an Kaffee erinnert. Der Stängel mit dem Milchsaft ist das Bitterste am Löwenzahn. Im Frühjahr halte ich es mit den Stängeln wie viele hier: eine Woche lang täglich frische Löwenzahnstängel, erst einen, dann jeden Tag einen mehr.
Was ihn ausmacht
Der Löwenzahn steckt voller Bitterstoffe, dazu kommen Vitamine und Mineralstoffe. Bitterstoffe sind aus unserer Ernährung weitgehend verschwunden, weil vieles auf mild und süß gezüchtet ist. In der Erfahrungsheilkunde hat der Löwenzahn seit langem seinen festen Platz im Frühjahr. Ich verspreche damit keine Wunder. Was ich sagen kann: Eine Pflanze, die du selbst erkennst, sammelst und zubereitest, bekommt einen anderen Platz in deinem Leben als die Tüte aus dem Regal.
Warum ich das weitergebe
Wenn du den Löwenzahn einmal bewusst angeschaut, gesammelt und in der Küche verarbeitet hast, siehst du deinen Rasen danach mit anderen Augen. Aus dem Ärgernis wird eine der verlässlichsten Pflanzen, die uns die Natur vor die Tür stellt. Genau das möchte ich weitergeben. Wenn du magst, zeige ich dir den Löwenzahn und seine Nachbarn bei der nächsten Wanderung ganz in Ruhe vor Ort.